Manche Straßen sind reine Verbindungslinien. Asphalt, Mittelstreifen, fertig. Und dann gibt es diese andere Kategorie: Strecken, die sich im Kopf festkrallen und Wochen später noch Geräusche mitliefern – Wind, Kies, ein dumpfes „Klack“ von losem Eis am Ufer. Islands Ringstraße gehört genau dahin. Offiziell heißt sie „Route 1“. Klingt nach Formularfeld. In der Praxis ist es eine Umrundung durch ein Land, das sich unterwegs ständig neu erfindet: mal Lava und Moos, dann Gletscherkante, dann wieder Meer, das sich aufführt, als hätte es persönliche Rechnungen offen.
Der Moment, in dem mir das endgültig dämmerte, war nicht an einem „Top-Spot“, sondern irgendwo zwischen Südostküste und den Ostfjorden – ich meine, es war in der Ecke Richtung Djúpivogur. Motor aus. Sitzen bleiben. Nichts piept, kein Netz, kein Smalltalk aus dem Lautsprecher. Nur dieser Wind, der an der Karosserie zerrt, als wollte er wissen, ob man es ernst meint. Und genau da liegt der Trick dieser Straße: Sie drängt einen ins Jetzt. Nicht mit Pathos, sondern mit Konsequenz. Neben Lavafeldern und Eisflächen tauchen plötzlich Ortschaften auf, kleine Fischerdörfer mit Wellblechfassaden, Tankstellen, die hier eher Dorfplatz als Zapfsäule sind. Kultur ist selten „Museum mit Texttafel“, häufiger Küchentisch, Schwimmbad, Wettergespräch – und ja, das zählt. Selbst wenn es nach nassem Wollpulli riecht.
Was man dort den ganzen Tag macht? Alles. Wandern. Reiten. Baden. Fotografieren. Frieren. Lachen. Manchmal alles innerhalb von sechs Stunden, inklusive der Erkenntnis, dass „monoton“ ein Wort ist, das nur Menschen benutzen, die Island von einer Postkarte kennen.
Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Ringstraße ist kein Pokal, den man „abschließt“. Sie ist eher der Bilderrahmen. Was hineingehängt wird, ist Entscheidungssache – und ein bisschen auch Laune des Wetters.
Merkliste (ohne Hochglanz)
- Route 1 zeigt Island in seinen Widersprüchen: rau und still, manchmal zu viel auf einmal, dann wieder fast meditativ.
- Planung hilft als Geländer – als Betonblock taugt sie wenig. Starre Tagespläne werden hier gern zerknittert.
- Motive stehen nicht nur „an den Spots“. Viele Fotos entdeckt man erst später, wenn die Speicherkarte daheim ausgespuckt wird.
- Essen ist unterwegs Teil der Reise: Hotdog am Straßenrand hat denselben Platz wie fermentierter Hai – je nach Mut und Magen.
- Sommer und Winter sind zwei verschiedene Welten. Vorbereitung ist keine Pedanterie, sondern schlicht vernünftig.
Planung: lieber Leitplanken als Fahrplan
Als Faustregel funktionieren sieben Tage erstaunlich gut. Nicht, weil man dann „alles“ sieht (unmöglich), sondern weil die Uhr nicht permanent im Nacken sitzt. Weniger Zeit? Dann wird es schnell ein Rennen. Mehr Zeit? Dann bleibt man irgendwo hängen – in einem Fjord, in einem Café, in einer Wetterlücke. Beides ist okay, nur unterschiedlich ehrlich.
Die ewige Forenfrage „im Uhrzeigersinn oder dagegen?“ kann man führen, muss man aber nicht. Das Licht kommt anders, die Abfolge der Höhepunkte verschiebt sich, mehr passiert nicht. Das größere Thema ist das Auto: Im Sommer reicht meist ein normaler Wagen, solange man nicht anfängt, Abzweigungen ins Hochland „mal eben“ mitzunehmen. Im Winter hingegen fühlt sich Frontantrieb ohne Allrad schnell an wie guter Wille auf glattem Boden – nett gemeint, bringt einen aber nicht weit.
Und dann: Pausen. Nicht als Lückenfüller zwischen zwei Punkten, sondern als Hauptbestandteil. Diese Straße ist kein Transfer. Sie ist das Programm – ob man das am ersten Tag schon einsieht oder erst, wenn man zum dritten Mal „nur kurz“ halten wollte.
Orte, an denen man nicht vorbeifährt (selbst wenn man wollte)
Der „Golden Circle“ fällt früh in jedes Gespräch: Þingvellir, Geysir, Gullfoss. Ja, Klassiker. Ja, zurecht. Strokkur schießt seine Fontäne so zuverlässig in den Himmel, dass es fast frech wirkt, und Gullfoss dröhnt, als müsse er irgendwem etwas beweisen. Die Ecke ist leicht erreichbar, gut erschlossen, entsprechend voll. Trotzdem gilt: Wer da nicht zumindest kurz stoppt, lässt etwas liegen.
Wer Stille besser verträgt als Menschenmassen, wird im Gebiet Skaftafell (Vatnajökull-Nationalpark) eher fündig. Markierte Wege gibt’s, klar – aber Langeweile? Fehlanzeige. Gletscherzungen, Geröllfelder, Wasserfälle. Svartifoss mit seinen Basaltsäulen sieht aus, als hätte jemand erst eine Architekturzeichnung gemacht und danach der Natur freie Hand gegeben. Dort habe ich einmal einen Fotografen gesehen, der nach wenigen Minuten wortlos weiterging. Kamera runter, Blick noch einmal hoch, fertig. Das war’s dann wohl.
Landschaften: Dauernd ein anderer Film
Der Süden hat diese harte Kante. Reynisfjara zum Beispiel: schwarzer Sand, kalt, scharf, nicht „romantisch“, eher kompromisslos. Die Wellen kommen dort nicht nett, sondern unberechenbar – und jedes Warnschild ist ernst gemeint. Der Atlantik wirkt an manchen Tagen so blau, als hätte jemand am Kontrast gedreht, bis es wehtut.
Im Norden wird der Ton weicher. Mehr Grün, mehr Weite, weniger theatrales Drama und dafür diese langen Linien: Fjorde, Täler, offene Flächen. Am Mývatn-See riecht es nach Schwefel und Vogelwelt. Es blubbert irgendwo immer. Geothermie als Hintergrundgeräusch. Enten ziehen Kreise, als hätten sie Zeit erfunden. Wer dort wandert oder radelt, merkt schnell: Ruhe ist nicht „nichts los“. Ruhe ist ein Zustand, in dem man endlich wieder Details mitbekommt.
Fotografieren: keine Checkliste, sonst verpasst man’s
Seljalandsfoss am frühen Morgen ist so ein Ding, das man einmal machen sollte: hinter den Wasserfall, Linse wird nass, Hände werden kalt, die Jacke nimmt es persönlich. Es lohnt sich. Später am Tag kippt die Stimmung oft: voller, lauter, mehr „schnell noch ein Foto“.
Jökulsárlón spielt anders. Dort gewinnt nicht, wer schnell ist, sondern wer warten kann. Eisberge treiben, drehen, spiegeln, verschwinden wieder. Kein Bild wiederholt sich wirklich. Und dann gleich nebenan Diamond Beach: Eisbrocken auf schwarzem Sand. Ja, das kann kitschig wirken. Und ja, man bleibt trotzdem stehen. Mehrmals. Weil das Auge es nicht sofort „abgehakt“ bekommt.
Essen: nicht nur Kalorien, eher kleine Geschichten
Reykjavík taugt als Startpunkt für hungrige Neugier – nicht wegen irgendeiner großen Geste, sondern weil Fisch dort in allen Varianten auftaucht und oft erstaunlich schlicht serviert wird. Hákarl muss man nicht mögen. Wirklich nicht. Aber einmal probieren sollte man ihn, schon allein, um später mitreden zu können (oder um es zu lassen). Plokkfiskur dagegen ist ehrliches Wohlfühlessen: bodenständig, warm, ohne Show.
Unterwegs sind es dann häufig die unscheinbaren Stopps, die hängen bleiben: Bäckereien mit Skonsur, Hotdog-Stände mit Pylsur, Hofläden mit Milchprodukten, die es zu Hause nie im Regal geben wird. Ich habe einmal an einer Tankstelle besser gegessen als am Vorabend in einem Restaurant – und das war nicht einmal ein Ausrutscher, eher ein Muster. Island eben.
Draußen sein – und zwar so, wie es gemeint ist
Gletscherwanderungen im Vatnajökull-Gebiet sind nichts für Spontanhelden. Führung buchen. Zuhören. Steigeisen ernst nehmen. Dafür steht man später auf Eis, das älter ist als jede Straße hier – ein Gedanke, der im ersten Moment abstrakt wirkt und im zweiten plötzlich schwer im Bauch liegt.
Wandern funktioniert fast überall. Der Laugavegur ist berühmt (und ja: zurecht), aber er ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Wer Wasser lieber mag als Geröll, nimmt ein Kajak oder hält Ausschau nach Walen. Beides fühlt sich weniger nach „Attraktion“ an und mehr nach Begegnung – als wäre man kurz Gast in einem System, das ohne einen prima klarkommt.
Kultur: zwischen Wellblech, Kunst und ganz normalem Alltag
Reykjavík überrascht selten nur einmal. Akureyri ebenfalls – kleiner, aber mit eigener Dynamik. Museen, Galerien, Konzerte, und manchmal reicht schon ein Nachmittag, um zu merken, dass hier mehr passiert als „nur Natur“. Das Nationalmuseum erklärt vieles. Nicht alles. Und das ist auch gut so.
Seyðisfjörður im Osten wirkt dagegen wie ein Farbfleck im Nebel: bunte Häuser, Künstler, Festivals, eine gewisse „Ich bleib vielleicht“-Atmosphäre. Dort habe ich jemanden getroffen, der wegen eines Sommers gekommen ist und dann einfach nicht mehr weggefahren ist. Das klingt wie Reisekitsch, passiert aber auffällig oft.
Übernachten: schlicht, bequem, windig – such dir was aus
Gästehäuser sind für viele die bessere Wahl: persönlicher, direkter, manchmal leicht chaotisch, aber mit Menschen, die einem nicht das Gefühl geben, man sei eine Zimmernummer. Campingplätze bringen einen näher an die Landschaft – inklusive Windgeräusch und Mitternachtssonne, die sich nicht darum kümmert, ob man schlafen wollte.
Hotels gibt es natürlich auch, vor allem in größeren Orten. Komfort hat seinen Platz. Spätestens nach einem Tag, an dem Regen nicht „Wetter“ ist, sondern ein Zustand.
Praktisches, das man nicht wegwischen sollte
Auto prüfen. Wetter checken. Und zwar täglich, nicht als gute Vorsatzliste. Island verzeiht Schludrigkeit selten, und Beschilderung ist nicht überall so großzügig, wie man es aus Mitteleuropa gewohnt ist. Karten oder GPS sind keine Nerd-Spielzeuge, sondern schlicht nützlich.
Die Jahreszeiten machen den Rest: Sommer bedeutet lange Tage, viel Licht, offene Straßen. Winter heißt Schnee, Eis, gelegentlich Sperrungen – und dafür Nordlichter, wenn man Glück hat und der Himmel mitspielt. Es gibt keine „falsche“ Wahl. Nur unterschiedliche Konsequenzen, die man mögen muss.
Am Ende hängt es daran, was man sucht. Oder worüber man unterwegs stolpert, obwohl man gar nicht gesucht hat.
Apropos Stolpern: Wer ohnehin auf Roadtrip-Modus ist, landet oft bei sehr praktischen Nebenthemen. Kaffee zum Beispiel. Klingt banal, wird aber spätestens am dritten frühen Morgen entscheidend. Dazu gibt es einen wirklich brauchbaren Text über Kaffebereiter beim Camping – hat schon mehr als einen Tag gerettet.
FAQs
Was ist die Ringstraße eigentlich genau?
Die Route 1 führt einmal um Island herum und umfasst rund 1.332 Kilometer. Sie verbindet Städte und Dörfer und bringt einen an einen großen Teil der bekannten Orte – für viele Reisende ist sie so etwas wie die Hauptschlagader der Insel.
Wie lange dauert die komplette Runde?
Als reine Fahrzeit kann man grob 17 bis 20 Stunden ansetzen. Praktisch plant man dafür mehrere Tage (oder Wochen), sonst reduziert man die Strecke auf „nur Auto“ – und das wäre, ehrlich gesagt, verschenkt.
Welche Highlights liegen direkt an der Strecke?
Seljalandsfoss, Strokkur, Þingvellir, Eyjafjallajökull, Jökulsárlón, Reynisfjara, Reykjavík – und dazu eine Menge namenloser Haltepunkte, die mindestens genauso nachwirken, weil sie einen unvorbereitet treffen.
Ist die Ringstraße das ganze Jahr befahrbar?
Meistens ja. Im Winter können einzelne Abschnitte jedoch gesperrt sein oder sich unangenehm fahren. Aktuelle Informationen sind kein „nice to have“, sondern Pflicht.
Braucht man ein spezielles Fahrzeug?
Für die Ringstraße selbst in vielen Fällen nicht. Für Hochlandpisten schon. Im Winter nimmt Allrad vor allem Druck raus – und spart Nerven.
Wie sieht es mit Übernachtungen entlang der Route aus?
Campingplätze, Gästehäuser und Hotels sind vorhanden. In der Hochsaison lohnt sich Vorbuchen, sonst wird aus „ich schau mal“ schnell „ich fahr noch zwei Stunden weiter“.
Wie bereitet man sich sinnvoll vor?
Fahrzeugzustand prüfen, Wetterlage im Blick behalten, Etappen realistisch ansetzen – und bewusst Platz für Umwege lassen. Ausgerechnet die sind oft das Beste an der ganzen Sache.




