Campingplatz Natterer See – Camping im Herzen Tirols

Manche Flecken in den Alpen sind so offensichtlich gut, dass ich mich jedes Mal frage, wieso Leute noch lange nach „Geheimtipps“ suchen. Innsbruck ist für mich so ein Fall. Keine geschniegelt-polierte Postkartenkulisse, sondern eine Stadt mit Gebrauchsspuren: alte Fassaden, Geschichte zum Anfassen, hier und da ein bisschen Rauheit. Und kaum dreht man sich um, steht da dieses Gelände bereit, auf dem Wanderschuhe, Klettergurt und Bike plötzlich Priorität bekommen. Wer nicht bloß einmal durch die Stadt hetzt, sondern wirklich ein paar Tage bleiben will, landet früher oder später beim Campingplatz am Natterer See. Wir sind hingefahren – und dann irgendwie nicht mehr richtig weggekommen.

Bevor jetzt jemand „Camping am See“ als Standard-Floskel abtut: Der Platz liegt tatsächlich direkt am Natterer See, ziemlich genau zwischen Innsbruck und dem Stubaital. Das ist diese angenehme Distanz, in der Stadtlärm keine Rolle spielt, die Innenstadt aber trotzdem nicht unerreichbar weit weg ist. Vom Stellplatz aus: Bäume. Wasser. Himmel. Fertig. Keine Häuserzeilen im Blickfeld, keine Straße, die einem ständig ins Ohr schneidet. Ein Teil der Stellflächen rückt so nah ans Ufer, dass man fast das Gefühl hat, man campt am Wasser – der See selbst bleibt in Teilen öffentlich. Heißt: Badegäste und Camper teilen sich das Ganze. Klingt nach Konfliktpotenzial? War’s bei uns nicht. Eher locker. Unaufgeregt. So, wie man’s gern hat.

Was mich ziemlich schnell überzeugt hat, war die Sache mit dem Platzangebot. Hier wird nicht jeder Quadratmeter auf Kante genäht, nichts wirkt zusammengeschoben oder nachträglich „irgendwie passend gemacht“. Die Parzellen sind großzügig, das Gelände atmet. Wer ohne eigenes Zelt oder Wohnmobil anreist, muss nicht kneifen: Es gibt Hütten und kleine Kabinen als Alternative. Gerade mit Kindern – oder wenn das Wetter mal wieder seine Launen auspackt – ist das schlicht praktisch. Und dann dieses Detail, das man erst beim zweiten Blick richtig würdigt: Das zentrale Sanitärgebäude liegt so, dass es den Platz optisch in zwei klarere Bereiche trennt. Der Effekt ist simpel, aber stark – die Gesamtfläche wirkt weniger erschlagend. Sauber geplant.

Sanitäranlagen, die man sich merkt

Normalerweise rede ich über Sanitärgebäude auf Campingplätzen genau gar nicht. Zweckbau, fertig. Hier funktioniert das nicht, weil es einem regelrecht auffällt – und zwar so, dass danach andere Plätze automatisch schlechter aussehen. Duschen, bei denen man sich nicht mit feuchten Klamotten herumschlagen muss, weil wirklich alles trocken bleibt. Föne, die einfach da sind. Ohne Münzen, ohne Countdown, ohne diesen unterschwelligen Stress, „schnell fertig“ sein zu müssen. Dazu Kinderduschen mit Regeneffekt und kleinen Gewitter-Spielereien – ja, klingt kitschig, aber selbst Erwachsene ziehen kurz die Mundwinkel hoch. Und die Toiletten? Durchgehend sauber. Nicht „für Camping okay“, sondern wirklich sauber. Punkt.

Für die täglichen Kleinigkeiten ist ebenfalls vorgesorgt. Auf dem Gelände sitzt ein kleiner Laden, der das abdeckt, was man morgens und zwischendurch braucht: Brötchen, Basics, Kaffee. Jetzt der Teil, den ich lieber nicht beschönige: billig ist das nicht. Eher im Gegenteil. Unser Frühstück lag locker beim Anderthalb- bis Doppelten dessen, was man beim normalen Bäcker bezahlt. Trotzdem – und das ist der Haken, der es wieder fair macht – die Qualität stimmt. Frisch, ordentlich, nichts, was nach lieblos aufgewärmter Aufbackware schmeckt. Und falls der Hunger größer wird: Direkt am Platz gibt’s zwei Restaurants. Unterm Strich: Niemand muss hier mit knurrendem Magen im Vorzelt sitzen.

Zwischen Natur und Stadt

Die Innenstadt von Innsbruck ist nah genug, dass man nicht ewig planen muss. Mit dem Auto sind es ungefähr zwanzig Minuten. Wer keine Lust auf Parkplatzroulette hat (verständlich), nimmt den Shuttlebus, der mehrmals täglich direkt vom Platz wegfährt. Angenehm simpel. Offiziell trägt der Campingplatz fünf Sterne – und ja, ein großer Teil dieser Einstufung lässt sich ziemlich direkt mit dem Sanitärgebäude erklären. Fast wichtiger fand ich aber das, was hier eben nicht stattfindet: keine Dauerbeschallung, keine erzwungene Animation, kein Ferienclub-Theater. Man wird in Ruhe gelassen. Das klingt banal, ist aber in Wahrheit ein dicker Pluspunkt.

Und dann die Zahlen, weil man’s wissen will: In der Hochsaison liegt man ungefähr bei 50 Euro pro Nacht für vier Personen – also Camper plus zwei Erwachsene und zwei Kinder. Ein Schnäppchen ist das nicht. Aber: Lage, Ausstattung und diese Ruhe machen den Preis für mich gut argumentierbar. Dazu kommt etwas, das man nicht kaufen kann, aber sofort merkt: Direkt vor der Tür beginnen unzählige Wanderungen. Morgens aus dem Zelt kriechen, Schuhe schnüren, los. Kein erst langes Umsetzen, kein „wir fahren noch schnell irgendwo hin“ – man ist praktisch schon mittendrin. Genau so stelle ich mir Camping in den Alpen vor.